Die Verbindung von aufklärerischer Vernunft und Wissenschaft

René Descartes

„Erst Descartes gelingt... die befreiende historische Tat. Denn er übernimmt nirgends bloße Resultate, sondern er verkörpert in sich wieder die Urkraft des philosophischen Denkens. ... Die Cartesische Methode und das Cartesische System sind nichts anderes als die Aufweisung und Begründung dieser neuen Form. Der Gedanke der Mathesis universalis, wie er Descartes an seiner ersten großen Entdeckung, am Beispiel der analytischen Geometrie aufgeht, ist das gemeinsame Band, das alle Teile der Cartesischen Philosophie miteinander verknüpft und das sie zu einer untrennbaren Einheit zusammenschließt.“

Ernst Cassirer: Descartes, Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit, Band IV, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1995, S. 21.

„Schwerlich aber wird man, einmal aufmerksam gemacht, verkennen können, dass Descartes’ Standpunkt in den ‚Regeln‘ der des so definierten Kriticismus ist, oder doch ihm äussert nahekommt, näher wenigsten als irgend ein anderes Werk der neueren Philosophie vor Kant. Unter den Alten hatte bereits Sokrates und (in einem bestimmten Stadium seiner Philosophie) Platon sich demselben Standpunkt genähert, deren Vorbild Descartes sichtlich vor Augenstand.“

Paul Natorp, Die Entwicklung Descartes’ von den „Regeln“ bis zu den „Meditationen“, Archiv für Geschichte der Philosophie, Band 10, Berlin 1897 (Hrsg. Ludwig Stein) S. 10.

„Und so erkenne ich das, was ich mit meinen Augen zu sehen vermeinte, einzig und allein durch die meinem Geist innewohnende Fähigkeit zu urteilen.“

René Descartes, Zweite Meditation, Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, Meiner Verlag 1972, S. 25.

„Was Descartes' ‚Meditationen‘ in erster Linie erweisen wollen, ist eben dies: daß der Gedanke der Ding-Identität und der Ding-Konstanz keineswegs als solcher in den bloßen sinnlichen Daten der Wahrnehmung, in den Qualitäten der Farbe und des Tones, des Tastsinnes oder des Geruchs und Geschmacks, beschlossen liegt, sondern daß er zu ihnen erst sekundär, erst durch logische Reflexion, hinzugebracht wird. Erst indem wir die ‚eingeborene Idee‘ der Substanz auf die mannigfaltigen und an sich völlig disparaten sinnlichen Phänomene anwenden, gewinnen wir die Anschauung von einem identischen und beharrlichen Gegenstand, auf den diese Phänomene sich beziehen, und dessen Bestimmungen und Eigenschaften sie darstellen.

Ernst Cassirer, Die Philosophie der symbolischen Formen, Band III, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1982, S. 148.

„Nun ist aber von Descartes die Verallgemeinerung der Regel und die Objektivierung des Kriteriums in dem Cogito ergo sum, in dem Selbstbewußtsein, vollzogen worden. Dadurch ist eine doppelte Richtung von Descartes eingeführt. (…) Das Cogito ist der Ausdruck des Kriteriums. Mit dem Cogito, in welchem das sum liege, war also nach Platonischer Forderung das reine, das dem Kriterium gerechte Denken zum höheren und umfassenden Princip der Gewissheit gemacht (…) Das Angeborene, das Princip, das Kriterium ist die Essenz des Geistes, ist die Substanz des Denkens.“

Hermann Cohen, Kants Theorie der Erfahrung, Berlin 1885, S. 31f.

"René Descartes, perhaps the most influential of modern philosophers. It is now difficult to escape from his duality of mind and matter, which permeates almost all modern thought in psychology. He clearly described perceptual size and shape constancy, long before they were studied experimentally."

Richard L. Gregory, Eye and Brain, Princeton, Princeton University Press, 1997, S. 224.

„Im Gegenteil aber kann ich mir kein körperliches, d. h. ausgedehntes Ding denken, das ich nicht in Gedanken unschwer in Teile teilen... könnte, und das alleine würde hinreichen, mich zu lehren, daß der Geist vom Körper gänzlich verschieden ist, wenn ich es noch nicht anderswoher zur Genüge wüßte.

René Descartes, Sechste Meditation, Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, Meiner Verlag 1972, S. 74.

„Wer mit Descartes' Schriften nur wenig mehr als oberflächlich vertraut ist, hat größte Mühe, in dem ‚sceptischen Idealism‘, der mit dem vierten Paralogismus zur Widerlegung präpariert wird, einen, wie es in den Prolegomena heißt, ‚Cartesianischen Idealism‘ zu erkennen. Denn Descartes hat ‚das Dasein der Materie‘ nicht nur nicht geleugnet, er hat es anders als der ‚sceptische Idealist‘ bei Kant auch keineswegs für ‚unerweislich‘ gehalten. (...) Soweit es um die Widerlegung eines eigentlich so zu nennenden ‚sceptischen Idealismus‘ ging war Descartes also nicht Kants Opponent, sondern eher sein Konkurrent.“

Hans-Peter Schütt, Kant, Cartesius und der ‚sceptische Idealist‘, in: Andreas Kemmerling / Hans-Peter Schütt (Hrsg.), Descartes nachgedacht, Vittorio Klostermann Verlag, FfM 1996, S. 176, 179.

„...wurde mir schließlich deutlich, daß nur all das, worin Ordnung oder Maß untersucht wird, zur Mathematik gehört, und es nicht darauf ankommt, ob ein solches Maß in Zahlen, Figuren, Sternen, Tönen oder einem anderen beliebigen Gegenstand zu suchen ist, und daß es demnach eine allgemeine Wissenschaft geben müsse, die all das entwickelt, was bezüglich Ordnung und Maß, noch ohne einem besondern Gegenstand zugesprochen zu sein, zum Problem gemacht werden kann, und daß sie einem... schon gewohnten und in Gebrauch befindlichem Namen als ‚Mathesis Universalisbezeichnet wird, weil in ihr alles das enthalten ist, um dessentwillen andere Wissenschaften auch Zweige der Mathematik genannt werden.“

René Descartes, Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft, Appendix, Hamburg 1973, Meiner Verlag, S. 173.

„Als besonders verheerend stellte sich das negative Descartes-Bild heraus, das von G. Ryle in seinem einflußreichen Buch The Concept of Mind (1949 erschienen) geprägt wurde. Laut Ryle können wir erst dann einen korrekten Begriff des Geistes gewinnen, wenn wir uns vom "Cartesischen Mythos" befreien. (...) Ryles Descartes-Bild ist in der neueren Forschung zwar mehrfach als Karikatur entlarvt worden; der angebliche "Cartesische Mythos" stellt sich bei näherer Betrachtung als ein historiographischer Mythos heraus (vgl. zur neueren Diskussion Perler 1997). (...) Wenn die negative Rezeption teilweise auch unberechtigt ist und auf einer verzerrenden Lektüre beruht, hat sie doch das heutige Descartes-Bild maßgeblich geprägt.

Dominik Perler, René Descartes, München 2006, Verlag C. H. Beck, S. 257ff.

„The second part of Descartes's theory of the self (that he is not extended, is numerically distinct from his body, and capable of existing apart from his body...) is more radical than the first (that he is a substance, essentially thinking but not essentially extended) and far more radical than his views on self-knowledge... Nonetheless, Descartes derives the second part from the first part, and the first part from his theory of self-knowledge. He does so without the blunders so often attributed to him. He does not beg the question, misapply the principle of the indicernibility of identicals, or incorrectly infer de re propositions from de dicto counterparts. His reasoning is impeccable; his assumptions are not outragious... Descartes's development of his theory of the self is a fine example of how a moderate, at base almost commonsensical, philosophical position can be radicalized.

Peter J. Markie, Descartes's Gambit, Cornell University Press 1986, Ithaka / London, p. 269.

"Disagreement on this point has come from those who have not done their philosophizing in an orderly way; and the reason for it is simply that they have never taken sufficient care to distinguish the mind from the body. Although they may have put the certainty of their own existence before that of anything else, they failed to realize that they should have taken 'themselves' in this context to mean their minds alone. They were inclined instead to take 'themselves' to mean only their bodies - the bodies which they saw with their eyes and touched with their hands, and to which they incorrectly attributed the power of sense-perception; and this is what prevented them from perceiving the nature of the mind."

René Descartes, Principles of Philosophy, in: The Philosophical Writings of Descartes, Volume 1, translated by John Cottingham, Robert Stoothoff, Dugald Murdoch, Cambridge University Press, 2009, Part one, § 12., p. 196f. 

Literatur (Anregungen): Cartesianische Linguistik: Ein Kapitel in der Geschichte des Rationalismus (1971) Noam Chomsky / Richard Kruse
Decartes' Konzeption des Systems der Philosophie (1998) Reinhard Lauth
Der Aufbau des philosophischen Wissens nach Descartes (1967) Detlef Mahnke
Descartes (2002) Harry M. Bracken
Descartes and Method: A Search for a Method in Meditations (1999) Clarence A. Bonnen / Daniel E. Flage
Descartes and the Possibility of Science (2000) Peter Schouls
Descartes Embodied (2010) Daniel Garber
Descartes Kritik der mathematischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnis (1899) Ernst Cassirer
Descartes nachgedacht (1996) Andreas Kemmerling / Hans-Peter Schütt (Hrsg.)
Descartes on Innate Ideas (2009) Deborah Boyle
Descartes: Lehre – Persönlichkeit – Wirkung (1995 / 1938) Ernst Cassirer
Descartes' Dualism (2005) G. Baker / K. Morris
Descartes' Erkenntnisstheorie: Eine Studie zur Vorgeschichte des Kriticismus (1882) Paul Natorp
Descartes's Gambit (1986) Peter J. Markie
Descartes's Imagination (1996) Dennis L. Sepper
Die Adoption des Vaters der modernen Philosophie (1998) Hans-Peter Schütt
Die Begründung der Wissenschaft aus reiner Vernunft - Descartes, Spinoza und Kant (1999) Andreas Färber
Die Methode der Erkenntnis bei Descartes und Leibniz (2019/1914) Heinz Heimsoeth
Psycho-Physical Dualism Today (2008) A. Antonietti, A. Corradini, E. J. Lowe (Eds.)
René Descartes (2006) Dominik Perler
Repräsentation bei Descartes (1996) Dominik Perler
Squaring the Circle in Descartes' Meditations: The Strong Validation of Reason (2016) Stephen I. Wagner
The Method of Descartes - a Study of the Regulae (1970/1952) L. J. Beck
The Rationalists (1988) John Cottingham
Visual Turn (2019) Wolfgang Wein
Zerrissene Moderne. Descartes bei den Neukantianern, Husserl und Heidegger (2013) Sidonie Kellerer

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