Die Verbindung von aufklärerischer Vernunft und Wissenschaft

Gottfried Wilhelm Leibniz

„Was wir die Natur der Dinge nennen, das ist zuletzt nichts anderes, als die Natur des Geistes und seiner ‚eingeborenen Ideen‘. Jeder Erfahrungssatz bietet uns nur das Beispiel und die Verkörperung eines notwendigen ‚Axioms‘ dar. So kann man sagen, ‚daß sowohl die ursprünglichen, wie die abgeleiteten Wahrheiten sämtlich in uns sind, weil alle abgeleiteten Ideen und Wahrheiten, die man aus ihnen folgert, aus den Verhältnissen zwischen den ursprünglichen Ideen, die in uns sind, resultieren‘. Es ist eine Durchdringung und eine Synthese allgemeiner Vernunftprinzipien, woraus die Wahrheit des Besonderen und Tatsächlichen hervorgeht.“

Ernst Cassirer: Leibniz, Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit, Band II, Darmstadt 1995, S. 138.

„Nun zeigt gerade Leibniz von den ‚ewigen Wahrheiten‘, daß sie als unwillkürliche Beziehungsformen schon in der sinnlichen Erfahrung selbst stecken, um durch Reflexion des Verstandes zu klarem und deutlichem Bewußtsein herausgehoben zu werden. Dies Prinzip des virtuellen Eingeborenseins ist der Nerv der kantischen Inauguraldissertation; die metaphysischen Wahrheiten liegen in der Seele als Gesetze ihrer Tätigkeit, um bei Gelegenheit der Erfahrung in Funktion zu treten und dann zum Gegenstand und Inhalt der Verstandeserkenntnis zu werden.“

Wilhelm Windelband, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, Mohr (Siebeck) Verlag, Tübingen 1993 (1892), S. 389.

„Aber der Geist seiner (Descartes') Methode und die universalistische Gesinnung derselben blieb der Mathematik und der neuen Naturerkenntnis eingepflanzt und hat sich in ihnen als dauernd wirksame Kraft bewährt. Derselbe Geist ist es, der auch die Leibnizsche Philosophie beherrscht und von dem all ihre Einzellehren beseelt sind. Der Plan der allgemeinen Enzyklopädie, der ‚Scientia generalis‘ und der ‚Characteristica generalis‘ ist das große Leitmotiv von Leibniz' wissenschaftlicher und philosophischer Forschung.

Ernst Cassirer: Descartes, Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit, Band IV, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1995, S. 21.

„Der Geist ist nicht allein fähig, diese Wahrheiten zu erkennen, sondern auch, sie in sich selbst zu entdecken. Hätte er bloß die Fähigkeit oder das rein passive Vermögen, die Erkenntnis in sich aufzunehmen, die so unbestimmt wäre, als die ... der leeren Tafel, Buchstaben aufzunehmen, so würde er nicht die Quelle der notwendigen Wahrheiten sein, wie er dies doch nach meinem eben gelieferten Beweis ist; denn es ist unbestreitbar, daß die Sinne nicht ausreichen, um deren Notwendigkeit einzusehen, und daß also der Geist eine nicht nur passive, sondern aktive Anlage hat, sie aus seinem eigenen Inneren selbst zu schöpfen, wenn auch die Sinne notwendig sind, um ihm die Gelegenheit und Aufmerksamkeit hierfür zu geben...“

Gottfried Wilhelm Leibniz, Von den eingeborenen Ideen, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, Hamburg, Meiner Verlag, 1996, S. 42.

„In geschichtlicher Perspektive stellte die Erfindung der Infinitesimal-Methode durch Leibniz für Cohen die Antwort auf ein Problem der Mechanik dar, da sie das Rechnen mit unendlichkleinen Größen und damit die Konstruktion von physikalischen und damit bewegten Objekten ermöglichte. Ihre philosophische, und das meint für Cohen ihre erkenntniskritische Bedeutung, erhält sie dadurch, dass sie den Übergang von den extensiven zu den intensiven Größen zu entfalten ermöglicht, ohne auf einen psychologischen oder physiologischen Begriff der Empfindung zurückgreifen zu müssen. Genau dieser Übergang von den extensiven zu den intensiven Größen sollte aber nach Kant im Abschnitt über die Antizipationen der Wahrnehmung der Grundsatz der Realität leisten, der in der Formulierung der zweiten Auflage folgendermaßen lautet: ‚In allen Richtungen hat das Reale, was ein Gegenstand der Empfindung ist, intensive Größe, d. i. einen Grad.‘“

Astrid Deuber-Mankowsky, in: Hermann Cohen, Das Prinzip der Infinitesimal-Methode und seine Geschichte, Einleitung, Verlag Turia + Kant, Wien/Berlin 2013, S. 22f.

„Bemerkenswert an Cassirers Analysen ist, daß er eine Gemeinsamkeit zwischen Descartes und Leibniz hinsichtlich des Verfahrens, das bei der Ausbildung eines derartigen Stufensystems befolgt wird, aufgezeigt hat. In beiden Fällen spielt nämlich (zumindest implizit) die Methode der Invariantenbildung eine Rolle dergestalt, daß diese Stufen dadurch fixiert werden, daß sie etwas (relativ) Konstantes bzw. Invariantes enthalten, welches sich in bezug auf ein Prinzip der Veränderung (...) heraushebt. Dieser Aspekt gestattet eine Lesart des descartesschen und leibnizschen Systems der Erfahrung als eines Systems von Invarianten.

Karl-Norbert Ihmig, Cassirers Invariantentheorie der Erfahrung und seine Rezeption des >Erlanger Programms<, Meiner Verlag, Hamburg 1997, S. 251.

"The relation of correlation between unity and diversity is here described as 'symbolic,' and this relation has its own validity previous to any form of mechanical explanation, mimesis or causal explanation. In place of Descartes´ mind/body problem, Leibniz thus finds that the two represent a singular - and indeed singularly ineluctable - fusion. For Cassirer´s own philosophy, this initial insight proves profoundly important as precursor for his placing primary importance on the symbolic form of expression, which entails both 'physiognomic immediacy' and a felt, rather than thought, sense of the world. Although the unity of mind and body can 'interpret itself' through certain dualities, these dualities are not themselves primary phenomena. In this regard, symbol becomes the centerpiece of Leibniz´s late philosophy, since it is a means of claiming that some forms of correlation cannot be broken down into the 'universal calculus of indications' he dreamed of in his youth."

 Gregory B. Moynahan, Ernst Cassirer and the Critical Science of Germany 1899-1919, Anthem Press, London/New York 2014, p. 105.

„Leibnizens Vorstellung von der Bedeutung der Zeichen für menschliches Denken haben zwei Wurzeln. Als erste ist das cartesische Methodenideal einer Mathesis universalis zu nennen, wie es - am Vorbild der Mathematik orientiert - seinen Niederschlag in Descartes' Regulae und den vier Regeln seines Discours de la Methode findet, ‚die Vernunft richtig zu leiten und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen‘. (...) Nimmt man die Bemerkung der Principia philosophiae hinzu, nach der Descartes meint, ‚summarisch alle einfachen Begriffe‘ aufzuzählen, so gewinnt man den Übergang zur zweiten Wurzel der Leibniz'schen Ansätze. Sie ist in all jenen Versuchen zu sehen, eine Zeichenkunst als Ars magna zu entwickeln, die dem so leicht irregehenden menschlichen Denken aufhilft.“

Hans Poser, Leibniz' Philosophie, Meiner Verlag, Hamburg 2016, S. 87f.

Paul Natorp: Leibniz und der Materialismus (1881), Hrsg. Helmut Holzhey, Studia Leibnitiana, Bd. 17, H. 1 (1985), S. 3-14

Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gesellschaft:   http://www.gottfried-wilhelm-leibniz-gesellschaft.de/de/wir-ueber-uns.html

 

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