Paul Natorp (1854 - 1924)

„In closest personal and scientific contact with Cohen, Paul Natorp (1854-1924) further pursued and carried out the fundamental methodical idea of 'critical idealism'. ... Natorp developed this main idea of his theoretical philosophy especially in his study 'Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften' (1910) and in a more concentrated survey in the essay, 'Philosophie, ihr Problem und ihre Probleme' (1911).“
Ernst Cassirer, Beitrag für die Encyclopedia Britannica, in: Gesammelte Werke, Hamburger Ausgabe, Band 17, Meiner Verlag 2004, S. 313.
„Das Ursprüngliche ist somit nicht Bejahung noch Verneinung, nicht Identität noch Verschiedenheit (geschweigedenn Widerspruch), nicht Synthesis noch Analysis, sondern Zusammenhang; nicht durch hinterherkommendes Sichvertragen und Vereinbaren, sondern durch wurzelhafte, durch Ursprungseinheit. Das lag Kants Synthesis allerdings zugrunde; die Synthesis sollte den Ursprung der Erkenntnis bedeuten; aber zum wenigsten ist ‚Synthesis‘ dafür nicht der bezeichnendste Ausdruck, schon weil er auf den Gegensatz zur Analysis hinweist, welcher dann wieder nicht der Letzte sein könnte, sondern selbst auf eine ursprünglichere Einheit zurückwiese, aus der er erst hervorginge.“
Paul Natorp, Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften, Leipzig/Berlin 1910, S. 21.
„Anders als Cohen bezieht sich Natorp bei der systematischen Gliederung der logischen Grundfunktionen nicht auf ein System der Wissenschaften oder wissenschaftlichen ‚Urteile‘, hält allerdings daran fest, daß die Grundlegung der Wissenschaften, insbesondere der Mathematik, an das System der logischen Grundfunktionen anknüpfen muß. Auch und gerade für Natorp ist Erkenntnislogik, ...nach Gegenstand und Methode durch die Beziehung auf die exakten Wissenschaften definiert. Aber er analysiert diese Beziehung wesentlich differenzierter als Cohen, und das schon deshalb, weil er ein genaues Wissen um die - von ihm selbst geförderte - zeitgenössische Grundlagendiskussion in der Mathematik und Physik in seine logischen Untersuchungen einbringt, denen damit nicht vorgeworfen werden kann, daß die Wissenschaft, von der die Erkenntnistheorie als Faktum ausgeht, bereits antiquiert sei.“
Helmut Holzhey in: Helmut Holzhey / Wolfgang Röd, Die Marburger Schule / Paul Natorp, in: Geschichte der Philosophie Band XII, München, C. H. Beck Verlag 2004, S. 70.
„Denken heißt überhaupt Beziehen. In einem anderen Ausdruck aber, den Kant für seine ‚Relation‘ gebraucht, dem der ‚dynamischen Verknüpfung‘, kommt es zu voller Deutlichkeit, welche bestimmte Art der Relation hier gemeint ist: die Relation gesetzmäßiger Abhängigkeit, die Funktionalbeziehung. Die Kantische Relation wird, nach ihrer rein logischen Bedeutung, in der Tat vollständig dargestellt durch die Funktion.“
Paul Natorp, Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften, Leipzig/Berlin 1910, S. 67.
„Natorps Interpretation der Idee bleibt insofern mißverständlich, als sie die Idee mit dem Gesetz gleichsetzt (ders.: Platos Ideenlehre), ohne überall und durchgängig darauf hinzuweisen, daß es sich dabei nicht um ein (beliebiges) Naturgesetz, sondern um das ‚Gesetz der Gesetzlichkeit selbst‘, um das ‚Urgesetz der Erkenntnis‘ handelt. Wie Natorp an gleicher Stelle betont, daß dabei ‚nicht eine Idee, aber die Idee‘ im Spiel sei, so erklärt auch Cohen ausdrücklich: ‚Die Idee kann nur Eine sein, auf welches Problem immer sie sich beziehe‘.“
Geert Edel, Von der Vernunftkritik zur Erkenntnislogik, Verlag Karl Alber, Freiburg / München 1988, S. 247, FN 49.
"Along with Cohen, Natorp's philosophical quest was to turn philosophy into science, in close conjunction with the natural sciences of their day. In this respect, Natorp was more closely aligned than Cohen with modern developments in the sciences, inlcuding Einstein's revolution in physics. But Natorp's oeuvre was vast (and his output astonishing). (...) Natorp's main philosophical writings are his influential interpretation of Plato (Platos Ideenlehre, 1902), his sketch of a psychology 'from the critical standpoint' in 1912, and his philosophy of science. In general, Natorp's writings were considered more lucid and accessible than Cohen's, such that the former's treatment of Cohen's themes were often the preferred reading for understanding the main goals of the Marburg School."
Sebastian Luft (Ed.), The Neo-Kantian Reader, Routledge, London/New York 2015, p. 158f.
„Es bedarf allgemein der Betonung, daß für PLATO wie nur je für DESCARTES oder KANT der Gesichtspunkt der „Methode“ der oberste Gesichtspunkt der Philosophie und Wissenschaft überhaupt ist. Nächst einer schwächeren Andeutung im Meno (74 D) ist es aber der Phaedrus, der den Begriff und Namen der Methode zuerst anwendet (270 DE, 263 B).“
Paul Natorp, Platos Ideenlehre, Eine Einführung in den Idealismus, Hamburg, Meiner Verlag 2004 (1903), S. 64.
„Gesichert hat Natorp sich das Prinzip der Relation, das ihm aus der Philosophie seines Lehrers Ernst Laas wohlbekannt sein mußte, allem Anschein nach während seiner Auseinandersetzung mit Friedrich Albert Langes ‚Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart‘. (...) Das Prinzip der Relation durchwirkt die Philosophie Paul Natorps von Beginn an bis zu ihrem Ende, und zu jeder Zeit war mit ihr die Folgerung verknüpft, daß Denken ein Beziehen sei in unendlicher Folge, daß ‚vor jedem Anfang ein radikaler Anfang, innerhalb jedes Zentrums ein wieder zentraleres‘, in jeder Dimension unendliche Dimensionen der Unendlichkeit, in denen ‚die Unendlichkeit der Relation‘ niemals letzten Halt, nie Ruhe, nie Sicherheit, Abschluß und Erlösung finden kann.“
Norbert Jegelka, Paul Natorp - Philosophie Pädagogik Politik, Königshausen & Neumann Verlag, Würzburg 1992, S. 236.
„Der Umgang mit der Ideenannahme als einem Funktionsglied innerhalb eines Hypothesengefüges hat bekanntlich das besondere Interesse der durch den Neukantianismus bestimmten Platonforschung auf sich gezogen. Vor allem P. Natorps Interpretation findet hier einen Schlüssel zum Verständnis der platonischen Philosophie überhaupt. Platon erscheint dabei als Vorläufer des Methodenideals der neuzeitlichen Naturwissenschaft, das - gemäß der neukantianischen Deutung - in Kants Philosophie eine hinreichende philosophische Begründung erfahren hatte. Gemeint ist die Methode, die Daten der Empirie im Blick auf eine zunächst nur angenommene Gesetzlichkeit zur Einheit einer Erfahrung zusammenzufügen. Die Hypothese geht dabei ganz in dieser ihrer Funktion auf und kann außerhalb ihrer keinen Eigenwert beanspruchen. Der Sinn der vor diesem Hintergrund gedeuteten Ideenannahme Platons schien daher für Natorp darin zu liegen, den Vorrang der Methode gegenüber allen ihr unterworfenen und zu unterwerfenden Gegenständen herzustellen und zu begründen.“
Wolfgang Wieland, Platon und die Formen des Wissens, Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, Göttingen 1982, S. 150f.
Biographie: https://www.deutsche-biographie.de/sfz68065.html#ndbcontent
Bedeutende Werke:
Descartes' Erkenntnistheorie. Eine Studie zur Vorgeschichte des Kriticismus, Marburg 1882
Forschungen zur Geschichte des Erkenntnisproblems im Altertum, Berlin 1884
Quantität und Qualität in Begriff, Urteil und gegenständlicher Erkenntnis, Philosophische Monatshefte 27, 1891
Platos Ideenlehre, Leipzig 1903
Logik in Leitsätzen, Marburg 1904
Philosophische Propädeutik, Marburg 1910
Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften, Leipzig/Berlin, 1910
Die Philosophie - ihr Problem und ihre Probleme. Göttingen 1911
Die allgemeine Psychologie nach kritischer Methode, Tübingen 1912
Kant und die Marburger Schule, Kant-Studien 17, 1912
Bruno Bauchs ‚Immanuel Kant‘ und die Fortbildung des Systems des Kritischen Idealismus, Kant-Studien 22, 1918
Aus dem Nachlass: Allgemeine Logik, in: W. Flach / H. Holzhey (Hrsg.) Erkenntnistheorie und Logik im Neukantianismus, Hildesheim 1980, S. 227-264.
Paul Natorp, Werke bei Meiner: https://meiner.de/autoren/paul-natorp-a01
- Literatur (Anregungen):
Allgemeine Psychologie nach kritischer Methode (2013) Paul Natorp / Sebastian Luft (Hrsg.)
Cohen und Natorp (1986) Helmut Holzhey
Der Neukantianismus (1979) Hans-Ludwig Ollig
Descartes' Erkenntnisstheorie: Eine Studie zur Vorgeschichte des Kriticismus (1882) Paul Natorp
Paul Natorp: Philosophie, Pädagogik, Politik (1992) Norbert Jegelka
Paul Natorp. Historiker der antiken Philosophie: Die "Ethika des Demokritos" (2022) Daniela Romani
Philosophie – ihr Problem und ihre Probleme: Eine Einführung in den kritischen Idealismus (2008/1929) Paul Natorp
Philosophische Systematik (2000/1922-23) Paul Natorp
Ursprung und System (1995) Jürgen Stolzenberg