Die Verbindung von aufklärerischer Vernunft und Wissenschaft

Jonas Cohn (1869 – 1947)

„Das ‚Denkfremde‘ ist von Anfang an und bleibt der Gegenpol zu einem ‚Denkeigenen‘. Denken findet zu seiner Form nur dort, wo ihm eine Inhaltlichkeit Widerstand leistet. Diesen Widerstand seinerseits mitdenken wollen, obwohl er kein Denken ist, macht Cohn zu seinem Ziel. Daher ist seine Formenlehre der Philosophie eine Theorie der Dialektik. Das Denkfremde provoziert geradezu den ‚Ursprung der Dialektik‘. (...) Das Denkfremde ist eine vielgestaltige, nicht formalisierbare Gegeninstanz zur Denkform. Trotzdem gibt es einen gemeinsamen Fokus in diesem Vielen: die Identität eines Gegenstandes. Für die ‚Möglichkeit beliebiger Gegenstandsbildung‘ braucht es ein ‚Minimum der Denkfremdheit‘ (...) ohne das überhaupt kein Gegenstand gebildet, also auch nicht geurteilt werden kann.“

Hartwig Wiedebach, Vorrecht der Bejahung vs. Urteil des Widerspruchs, in: Marburg versus Südwestdeutschland, Christian Krijnen / Andrzej Noras (Hrsg.), Königshausen & Neumann, 2011, S. 163ff.

„Cohns Verständnis von Dialektik kann auch mit Hilfe der beiden Grundsätze, die er fast bekenntnishaft vertreten hat, nämlich des Grundsatzes des Utraquismus und der Prävalenz des Positiven, näher bestimmt werden. Besagt die Prävalenz des Positiven, ‚daß im philosophierenden Denken kein gegebener Inhalt unterdrückt werden darf‘, so bedeutet umgekehrt der Utraquismus, ‚daß beides: die Form des Denkens und der relativ denkfremde Inhalt als gleich ursprüngliche konstitutive Elemente des Erkennens jeder Art, der Tatsachen wie der Werterkenntnis angesehen werden müssen‘. Erweist sich der Utraquismus als dasjenige Element, das weitertreibt zur Dialektik, so legt umgekehrt die Prävalenz des Positiven dieser Dialektik, wie Marck sagt, ‚kritische Bremsen‘ an.“

Hans-Ludwig Ollig, Der Neukantianismus, Tübingen, J. B. Metzler Verlag 1979, S. 85f.

„Die utraquistische Lehre macht Cohn nun wissenschaftstheoretisch fruchtbar, und zwar in höchst sachkundiger Weise sowohl für die Philosophie der Mathematik wie der empirischen Wissenschaften. Wie Flach zu zurecht betont, füllt er damit eine empfindliche Lücke in der Ausführung der Schuldoktrin. Mathematiktheoretisch konzentrieren sich seine Untersuchungen auf das Problem der Konstruktion. Im Unterschied zur Mathematik ist Wirklichkeitserkenntnis nicht vollendbar.

Helmut Holzhey in: Helmut Holzhey / Wolfgang Röd, Die Südwestdeutsche Schule, in: Geschichte der Philosophie Band XII, München, C. H. Beck Verlag 2004, S. 117.

Bedeutende Werke:
Geschichte des Unendlichkeitsproblems im abendländischen Denken bis Kant, Leipzig 1896
Allgemeine Ästhetik, Leipzig 1901
Voraussetzungen und Ziele des Erkennens. Untersuchungen über die Grundfragen der Logik, Leipzig 1908
Der Sinn der gegenwärtigen Kultur. Ein philosophischer Versuch, Leipzig 1914
Theorie der Dialektik. Formenlehre der Philosophie, Leipzig 1923
Wertwissenschaft, Stuttgart 1932

Biographie: https://www.deutsche-biographie.de/sfz8566.html

Jonas-Cohn-Archiv: http://www.steinheim-institut.de/wiki/index.php/Archive:Jonas-Cohn-Archiv

Sie können gerne selbst Bücher, Texte,... veröffentlichen.